17.11.14

Auf meinem Schreibtisch: "Wie Möwen im Wind" von Nicola Vollkommer


Aus einem der neuen Bücher, die im Januar erscheinen werden, habe ich einen Ausschnitt für euch ausgesucht. Nicola Vollkommer schreibt ihren ersten Roman und kehrt in das Land ihres Vaters, nach England zurück. Ihre Geschichte spielt im 19. Jahrhundert an der Steilküste Cornwalls und steckt voller Romantik, Dramatik und Spannung. Und wie gefällt euch das Cover (Seufz!)?

 

Prolog II

Charlottes Eintritt ins Leben war alles andere als leicht.
„Mrs Earling, Sie strengen sich überhaupt nicht an! Wie können Sie dieses Gebrüll hören und nichts dagegen tun?“
„Weil es zu meiner Aufgabe gehört, dieses Gebrüll zu hören!“
Mrs Earling richtete sich auf und stützte die Arme in die Hüften.
„Hören Sie um Gottes willen damit auf, die ganze Zeit hin und her zu laufen, Mrs Gibbs! Durch das Geklapper Ihrer Schlüssel kommt das Kind auch nicht schneller zur Welt.“
Die Worte wurden eher ausgespuckt als gesprochen.
„So wie Sie herumjammern, könnte man meinen, Sie liegen in den Wehen und nicht Lady Agnes! Haben Sie noch nie eine Geburt gesehen?“ Mrs Gibbs verschränkte die Arme und tippte mit einem Fuß auf den Boden.
„Auf so eine herrische Stimme höre ich nicht!“
Mrs Earling wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, murmelte etwas über Bedienstete, die das einfache Denken nicht beherrschten, und beugte sich über ihre Patientin. Mit einem feuchten Tuch tupfte sie das schweißgebadete Gesicht um die weit aufgerissenen Augen ab, die ängstlich zur Decke des Himmelbetts starrten. Plötzlich rang die stöhnende Frau nach Luft, griff nach dem Arm der Hebamme und hielt ihn fest wie eine Eisenklammer. Ihr Atem kam in kurzen Stößen.
„Bald haben Sie es geschafft, Mylady“, sagte Mrs Earling, „halten Sie nur durch. Gleichmäßig atmen!“
Sie blickte hoch.
„Stehen Sie nicht da wie ein dummes Schaf, Mrs Gibbs! Holen Sie Wasser, wischen Sie den Boden, öffnen Sie das Fenster, bringen Sie frische Laken! Tun Sie irgendwas, damit ich nicht wahnsinnig werde! Wenn dieses Bett sich in einen Sarg verwandelt, dann sind Sie schuld!“ Mrs Gibbs öffnete ihren Mund und klappte ihn wieder zu. Schließlich fand sie ihre Sprache wieder.
„Wissen Sie eigentlich, mit wem Sie reden, Mrs Earling? Ist Ihnen bewusst, dass ich als Haushälterin dieses Anwesens Ohren und Augen für Lady Agnes bin und dass nichts in diesem Haus meiner Aufmerksamkeit entgeht?“
„In dem Fall wird es Ihrer Aufmerksamkeit auch nicht entgangen sein, dass Ihre Lady sich gerade in großer Not befindet. Es ist mir egal, wie viele Haushälterinnen und enge Vertraute von Lady Agnes in der Gegend herumschwirren. Bis diese Not gelindert ist, führe ich in diesem Raum Regie, nicht Sie!“
Mrs Gibbs biss sich auf die Lippen und marschierte zum Fenster.
Die stickige Luft hing wie ein schwerer, unsichtbarer Nebel über dem Bett. Sie roch nach abgestandenem Kräutertee, vermischt mit dem Duft der Lavendelblüten, die in den Tüchern gelegen hatten. Lady Agnes liebte Lavendel. Mrs Gibbs zog den Vorhang zur Seite. Ein Luftzug bewegte sich, kaum spürbar, in den Schatten des riesigen Schlafgemachs. Hier hatte Lady Agnes Greenwold seit Wochen still gelegen und kaum das Tageslicht erblickt. Nun wandte sie ihren Kopf zum Licht und atmete tief ein.
Zwei Möwen schossen laut schreiend über das Haus Richtung Meer.
Eine Wespe flog durch den offenen Fensterspalt und torkelte wie betrunken gegen den Porzellankrug, der neben den Handtüchern auf dem Tisch stand. Es war einer der schwülsten Tage des Altweibersommers, der auf wochenlangen Sommerregen gefolgt war.
Das Pfeifen eines Gärtners drang durch das offene Fenster. Von der fernen Wiese klang das fröhliche Treiben der Apfelernte. Männer vom Dorf schüttelten die Bäume mit langen Stangen, Kinder schrien und sprangen um die Wette, um ihre Körbe mit Obst zu füllen.
Das Summen der Wespe, die Rufe der Männer, das Lachen der Kinder, der Duft des Sommerflieders, der durch das offene Fenster wehte, das Rauschen des Meeres in der Ferne: Jedes Geräusch, jeder Geruch war wie ein Bote aus einer anderen Welt, in der das Leben noch in geordneten, vertrauten Bahnen lief. Sie schienen die geplagte Frau für kurze Zeit zu besänftigen. Die Qualen, die ihre Züge verzerrt hatten, ließen nach, sie keuchte und ihr Atem wurde ruhig.
Aber die Entspannung währte nicht lang.
Plötzlich warf sie sich auf die Seite, krümmte sich und schrie vor Schmerz auf.
„Dieses Kind reißt mich in Stücke!“, kreischte sie. „Mrs Earling, helfen Sie mir, ich kann nicht mehr!“
„Ruhig, ruhig, Mylady, bald ist es so weit!“
Draußen hörte der Gärtner auf zu pfeifen. Er legte die Schere, mit der er die verblühten Rosen abschnitt, auf den Boden, bekreuzigte sich, schüttelte den Kopf und fing wieder an zu schneiden, als hinge sein Leben davon ab.
„Mrs Gibbs, halten Sie ihre Beine fest! Es kommt gleich noch eine Welle!“
„Ich tue schon mein Bestes, Mrs Earling“, blaffte die Haushälterin.
Die Hebamme wischte sich die Schweißperlen von der Stirn, dieses Mal mit einem Tuch. Die Gebärende gab einen letzten, markerschütternden Schrei von sich. Danach wurde sie still, während Mrs Earling mit flinken Bewegungen ein zappelndes und nach Luft schnappendes Bündel emporhob. Sie klopfte dem Neugeborenen auf den Rücken, tupfte es mit warmem Wasser ab und wickelte es in eine Decke.
„Mylady, wollen Sie Ihre Tochter nicht willkommen heißen?“, fragte sie.
Ein Seufzen entwich den Lippen der erschöpften Frau. Sie drehte den Kopf zum Fenster und starrte reglos in den Himmel.
„Nein.“
Sie wandte sich Mrs Gibbs zu.
„Holen Sie meinen Mann und wecken Sie mich, wenn er kommt.“
„Sofort, Mylady.“
„Sie bringen das Kind eilends zur Amme“, warf Mrs Gibbs der Hebamme in einem forscheren Ton zu. „Frances holt frische Wäsche. Ich kümmere mich um Lady Agnes. Wir brauchen Ihre Dienste nicht mehr.“
Ohne einen Blick auf das neugeborene Kind zu werfen, verschwand die Haushälterin durch die Tür. Das Klappern ihrer Schlüssel war immer noch zu hören, lange nachdem sie gegangen war.
Ein einziger, schauerlicher Schrei einer Silbermöwe begrüßte die Ankunft der kleinen Lady Greenwold.
„Keiner freut sich. Ich schließe daraus, es ist wieder ein Mädchen“, sagte Frances, das Hausmädchen, das ins Zimmer geschlichen war und neugierig auf das kleine Bündel in Mrs Earlings Arm blickte. Sie wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Auge.
„Die Jungvögel sind geflogen und ihre Nester sind leer. Das Weibchen sucht nach seinen Jungen“, seufzte Mrs Earling, während sie den weinenden Säugling in der Armbeuge schaukelte und mit der freien Hand das Fenster schloss.
„Es sieht nach Regen aus, Mrs Earling“, sagte Frances.
„In mehr als einer Hinsicht, Franny“, war die müde Antwort. „Richte das Zimmer und schaue nach Lady Agnes, bis Mrs Gibbs wiederkommt, dann kannst du gehen. Lady Agnes hat die Geburt gut überstanden.“
Den Säugling immer noch im Arm, warf Mrs Earling einen letzten Blick auf ihre Patientin, zupfte die Bettdecke zurecht, griff nach ihrem Mantel und Hut, verließ den Raum und eilte die große Treppe zum Haupteingang von Birch Hollow hinunter.
Der Weg zum Dorf hatte sich in eine Schlammrinne verwandelt, so stark trommelte der Regen auf die Wiesen, Wälder und Straßen. Unter dem Umhang drückte sie das Kind fest an ihren Körper und hoffte, das verzweifelte Schreien dadurch zur Ruhe zu bringen. In der anderen Hand trug sie eine Laterne.
Ein Blitz erhellte für einen flüchtigen Moment den Kirchturm und die Dachgiebel des Dorfes, auf das die Hebamme zu eilte. Das ferne Brausen aufgebrachter Meereswellen vermischte sich mit dem Prasseln der Regenfluten, als ob Meer und Himmel sich verschworen hätten, ihren angestauten Zorn in einem einzigen Ausbruch auf diesen abgelegenen Strich Landschaft auszuschütten.
Mensch und Vieh waren längst in Deckung gegangen, als die einsame Gestalt durch den Schatten des Kirchturms huschte, auf die Silhouette eines Häuschens zu, das sie im Licht der Laterne gerade noch ausmachen konnte. Sie klopfte hastig an die Tür und stürzte sich, ohne auf eine Antwort zu warten, in den Eingang.
Dort warf sie ihren Umhang mit einer kurzen Schulterbewegung nach hinten, ungeachtet der Regentropfen, die in alle Richtungen flogen und Pfützen auf dem Steinboden des schmalen Flurs hinterließen.
„Maggie, bist du wach?“, rief sie durch den Flur, „ich habe ein Geschenk für dich!“
Das einzige Lebenszeichen von ihrem Mann, das Lady Agnes Greenwold an dem Abend vernahm, an dem ihre zweite Tochter zur Welt kam, war das Klappern von Pferdehufen auf der Zufahrt. Es wurde immer leiser, bis es vom Sausen des Windes und vom Rauschen der Birken verschlungen wurde.

 

Wir lesen uns wieder