1.01.12

Zum Autoreninterview

 

Interview mit dem Autor

Der neue Roman von Siegfried Wittwer "Das Lächeln der Gerberstochter" spielt in Magdeburg zur Zeit des 30-jährigen Krieges. Wir haben dem Autor einige Fragen dazu gestellt.


Herr Wittwer, warum haben Sie das historische Magdeburg zum Schauplatz Ihres Romans gemacht.  Was ist das Besondere daran?

Magdeburg spielte schon zur Zeit der Reformation eine entscheidende Rolle. Viele Gelehrte der Universität Wittenberg waren damals nach Magdeburg geflohen. Unter Nikolaus von Amsdorf, enger Vertrauter Martin Luthers und Superintendent von Magdeburg, kämpften sie von hier aus mit Hunderten von Streitschriften für den Protestantismus. Deshalb wurde Magdeburg auch „Unseres Herrgotts Kanzlei“ genannt.
Im Bewusstsein ihrer historischen Stellung schlugen sich die Magdeburger während des 30-jährigen Kriegs auf die Seite des schwedischen Königs Gustav Adolf, statt sich wie bisher neutral zu verhalten. Der Schwede versprach ihnen zwar, der Stadt gegen die kaiserlichen Feldherren Tilly und Pappenheim zu helfen, doch er brach sein Versprechen aus taktischen Gründen. Das führte zur völligen Zerstörung der Stadt, bei der etwa 20 000 Magdeburger innerhalb von zwei Tagen den Tod fanden. Der Fall dieser protestantischen Bastion und die dabei verübten Gräueltaten schockierten ganz Europa.
Für einen historischen Roman bilden diese Ereignisse einen spannenden Hintergrund.


Vor historischer Kulisse gilt es, einen Kriminalfall zu lösen. Was ist passiert?

Die Gerberstochter Rosa Münkoff findet in der Elbe die Leiche eines schwer misshandelten Kaufmanns, die in Ufernähe versenkt worden ist. Dieser Mord und damit verbundene unheimliche Ereignisse erschüttern die Stadt. War es nur ein einfacher Raubmord, wurde der Mann von seiner geizigen Gattin umgebracht, spielten religiöse und politische Gründe eine Rolle oder war er Opfer einer Verschwörung? Alles scheint bei diesem Kriminalfall möglich zu sein.


Im Zentrum der Geschichte stehen ein Anwalt, eine Gerberstochter und die Tochter eines Druckermeisters. Können Sie uns die Hauptpersonen ganz kurz vorstellen?

Rosa, die Tochter des Lohgerbers Hans Münkoff, hat hellblondes Haar, das weit über ihre Schultern fällt, hohe Wangenknochen, blitzende, himmelblaue Augen und ein Mund der immer zu lächeln scheint. Sogar verheiratete Bürger werfen ihr verstohlene Blicke nach. Aber weil ihr Vater einem unrein geltenem Gewerbe nachgeht, wagt sich keiner der Burschen der Stadt, ihre Nähe und Freundschaft zu suchen.
Anneliese Stetter, die Tochter eines Druckermeisters und geachteten Ratsherrn, hat schwarzbraune, lockige Haare und ist von klassischer Schönheit. Sie ist feinfühlig, gebildet und liebt Kunst, Literatur und Musik.
Benno Greve ist ein junger Anwalt, der nach Magdeburg gekommen ist, um hier sein Glück zu suchen. Er erhält den Auftrag, den Mordfall Emmerich aufzuklären. Dabei verliebt er sich in Rosa Münkoff, obwohl sie keine standesgemäße Partie ist und für seine berufliche Karriere sicherlich hinderlich wäre. Er fühlt sich aber auch zur bildhübschen Anneliese Stetter hingezogen, die ihm schöne Augen macht und ihm den Zutritt zu den besseren Kreisen der Gesellschaft bietet.


Haben solche Geschichten aus längst vergangenen Tagen auch heute noch etwas zu sagen?


Liebe und Sehnsucht, Krieg und Gewalt, Verrat und Gier spielen zu allen Zeiten eine Rolle im Leben von Menschen. Erzählt man davon vor der Kulisse einer anderen Zeit, werden nicht nur historische Ereignisse wieder lebendig. Der Leser kann sich auch mit den menschlichen Schwächen und Sehnsüchten aus einem anderen Blickwinkel beschäftigen. Kulturelle und zeitliche Nähe kann manchmal blind machen für Einsichten, die das Leben bereichern und verändern. Das ist die Chance des historischen Romans, der nicht nur einfach unterhalten will.

Vielen Dank, Herr Wittwer.


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